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Der Tagesspiegel
 

Wer in der Tiefe des Internets steht, macht weniger Geschäfte

 

Um die ersten Plätze der Ergebnislisten zu erreichen, gibt es einige Tricks.
Jeden sechsten Euro erwirtschaften deutsche Unternehmen mittlerweile im Internet. Damit gehören die Bundesbürger laut Hightech-Verband Bitkom zu den fleißigsten Online-Einkäufern Europas. Sie werden beim Einkaufen im Web nur von Tschechen, Finnen, Schweden und Ungarn überholt. Damit die Adresse einer Firma auf diesem großen, weltumspannenden Marktplatz gefunden wird, gibt es Suchmaschinen. Die werden inzwischen 18 Millionen Mal am Tag angeklickt – und zwar, um einen Einzelhändler, einen Frisör, ein Restaurant oder eine Kita zu finden. Nur noch wenige Verbraucher blättern 2012 in den Gelben Seiten oder anderen Verzeichnissen. Kleinere und mittelständische Unternehmen, die im Web Geschäfte machen wollen, müssen dafür sorgen, dass sie bei Google, Bing, T-Online oder Ask.com und anderen Suchmaschinen schnell gefunden werden.

Etwa achtzig Prozent der Klicks auf Firmenseiten kommen über die großen Suchmaschinen. Deswegen leisten sich inzwischen auch mittelständische Betriebe, die ihre Umsätze im Netz ankurbeln wollen, Experten für sogenannte Suchmaschinenoptimierung (SEO). Diese „Google-Versteher“ haben die Mechanismen des World Wide Web analysiert und glauben zu wissen, wie man es auf die vorderen Plätze der Ergebnislisten der Suchmaschinen schafft.

Mario Fischer, Professor am Institut für Technik & Marktstrategien in Nürnberg, nennt drei wichtige Zutaten für den Internetauftritt: „Technik, Backlinks und Content.“ Es gehe darum, mit der eigenen Webseite so viel Aufmerksamkeit zu erzielen, dass potenzielle Kunden sie schnell finden. „Content, also Inhalte sind das Wichtigste. Früher galten Links als Garantie für eine solide Präsenz im Netz. Mittlerweile sind die Inhalte im Fokus“, ergänzt Nicolas Sacotte, Geschäftsführer der SEO-Agentur Activetraffic: Diese Inhalte werden von den Nutzern gern über Social-Media-Kanäle wie Facebook und Twitter multipliziert. Das bringt nicht nur zusätzlichen Traffic, sondern ist für Google ein Signal für gute Texte.

Bei der Hamburger Kanzlei BBS Rechtsanwälte gehören inzwischen Fachbegriffe wie „unique content“ und „social signals“ zum Alltag. Der Jurist Thomas Brehm steuert in Eigenregie den Webseitenauftritt der Kanzlei und die Inhalte darauf: „Wir schreiben fleißig Artikel über Themen, die für unser Geschäft wichtig sind. Auf diese Art und Weise haben wir die Reichweite unserer Website enorm gesteigert, weil wir mit vielen Suchbegriffen aus unseren Fachartikeln sehr prominent in Google gelistet sind.“ Der Grund: Die Google-Algorithmen erkennt diese Qualität als relevant. Geholfen bei der Google-Strategie hat den Anwälten Michael Dunker, Geschäftsführer der SEO-Firma Testroom in Hamburg. Auch er weiß um das Gewicht der Inhalte von Webseiten: „Ein Text, der bei Google und anderen Suchmaschinen positiv auffallen soll, darf nicht zu kurz sein, sollte mindestens 300 Worte haben, am besten 500.“ Es kommt dabei außerdem noch auf die semantische Optimierung an. Ein Beispiel: BMW möchte seine Webseiten mit Texten über die 3er Baureihe pushen. Dafür reicht es nicht, das Kürzel „3er“ in einem Text möglichst oft zu verwenden. Das erkennt Google als einfachen Trick. Dunker: „Stattdessen muss man einen semantischen Raum schaffen, eine Wortwolke um den Begriff herum.“ In diesem Fall sind das Worte wie „Mittelklasselimousine“, „sportlich-knackig“, „Stufenheck“ und „Fahrbericht“.

Viele gute Texte auf zahlreichen Seiten im Netz sind notwendig, um einen oder zwei Plätze im Listing noch oben zu klettern. Hinzu kommen außerdem Kontrollen. Michael Dunker erläutert: „Google erkennt auch aus dem Netz kopierte Textpassagen, sogar Rechtschreibefehler und auch Wiederholungen, und straft Seiten dafür ab.“

Das beherzigt auch Goetz Herzog, Geschäftsführer eines Online-Händlers für Wellnessprodukte. Für ihn und seine dreißig Mitarbeiter gehört das Schreiben von Texten inzwischen zur täglichen Routine: „Mehrere Mitarbeiter kümmern sich bei uns darum, dass nur originäre Texte im Netz kursieren.“ Das bedeutet viel Arbeit. Täglich bekommen die Wellness-Profis in Freiburg neue Produkte für ihr Sortiment. Das Einfachste wäre es, die Produktbeschreibung zu kopieren und bei Facebook oder einem andern Portal online zu stellen. „Das wäre aber der falsche Weg“, hat Herzog gelernt. „Das erkennt Google nämlich sofort als Kopie. Für die Relevanz bei den Suchmaschinen bringt das gar nichts.“ Stattdessen schreiben die Freiburger die Produktbeschreibungen komplett um, recherchieren zusätzliche Informationen und lassen auch Experten zu Wort kommen.

 
Anja Steinbuch.